Künstliche Intelligenz in der Kunst: Einfaches Werkzeug oder kreatives Genie?

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Phänomen Naturgesetze

Was uns an den beinahe mythischen Denkern der antiken Welt so fasziniert, ist die wundervolle, abgeschlossene Einheit ihres Weltbildes. Mit welcher prachtvollen Gebärde steht einer dieser Denker vor uns, der legendenumrankte Pythagoras etwa, und sagt mit kühlem, unbeirrbarem Blick: Ich halte das Weltgeheimnis in den Händen.
Und hier beginnen die Ziele des vorliegenden Werkes. Es erblickt seine Aufgabe darin, in einem Umfang, der sich noch durcharbeiten lässt, ein wirkliches Verständnis der Welterscheinungen zu geben, soweit die Wissenschaft ein solches besitzt.
Es will gerade das bieten, was man in den vielen Werken über die Welt vergeblich sucht, weil diese den Ehrgeiz haben, möglichst viele Tatsachen zu bringen, deren Verarbeitung dann dem Leser überlassen bleibt.
Hier dagegen wird ein prinzipiell anderer Weg beschritten; die Tatsachen sind nur Hilfsmittel und nicht Endzweck. Es wird genau die Auswahl dessen geboten, was von dem gesamten sicheren Wissen zum Verständnis unseres naturwissenschaftlichen „Weltbildes“ notwendig ist.
Und der Leser dieses Buches kann wie Pythagoras mit unbeirrbaren Augen in die Welt blicken, denn er hält ihr Geheimnis in seinen Händen.

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30.09.2020 10:33

Künstliche Intelligenz in der Kunst: Einfaches Werkzeug oder kreatives Genie?

Mithilfe von intelligenten Algorithmen werden Gemälde geschaffen, Gedichte geschrieben und Musikstücke komponiert. Ob Künstliche Intelligenz (KI) dabei die geniale Erschafferin von Kunst ist oder bloß ein weiteres Werkzeug von Künstler*innen, hängt davon ab, wie man über KI-Kunst berichtet, zeigt eine Studie eines internationalen Forscherteams vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und vom Forschungsbereich Mensch und Maschine am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Die Ergebnisse sind im Journal iScience erschienen.

Im Oktober 2018 wurde im Aktionshaus Christies das Kunstwerk Edmond de Belamie, das mithilfe von einem intelligenten Algorithmus erstellt wurde, für 432.500 Dollar versteigert. Das Portrait sei von einer Künstlicher Intelligenz (KI) kreiert worden, bewarb Christies die Versteigerung. Auch Medien sprachen oft von dem ersten Kunstwerk, das nicht von einem Menschen, sondern selbstständig von einer Maschine erstellt worden sei. Das Geld bekam aber nicht die Maschine, sondern das französische Künstlerkollektiv Obvious. Sie waren es, die einen Algorithmus mit Bildern von echten Gemälden von echten Maler*innen fütterten, den Algorithmus trainierten eigenständig Bilder zu kreieren, anschließend ein bestimmtes Bild aussuchten, es ausdruckten, ihm einen Namen gaben und es vermarkteten. Die Programmierer*innen hingegen, die die verwendeten künstlichen neuronalen Netze und Algorithmen entwickelten, wurden weder erwähnt, noch bekamen sie etwas von dem Verkaufserlös.

„Viele Menschen sind bei KI-Kunst beteiligt: Künstler*innen und Kurator*innen, genauso wie Programmierer*innen. Gleichzeitig gibt es besonders in den Medien eine Tendenz, KIs mit menschenähnlichen Eigenschaften auszustatten. Dann liest man: Die kreative KI erschafft selbständig geniale Kunstwerke. Wir wollten wissen, ob es einen Zusammenhang gibt, von Vermenschlichung von KI und der Frage, wer die Anerkennung für KI-Kunst bekommt“, sagt Ziv Epstein, Doktorand am MIT Media Lab und Erstautor der Studie.

Dazu beschrieben die Forschenden fast 600 Teilnehmenden wie KI-Kunst entsteht und fragten, wer für das Kunstwerk die Anerkennung bekommen sollte. Gleichzeitig ermittelten sie, wie stark jede*r Teilnehmende KIs vermenschlicht. Die einzelnen Antworten fielen sehr unterschiedlich aus, aber im Durchschnitt zeigte sich, dass Menschen, die die KI vermenschlichten und nicht bloß als Werkzeug wahrnahmen, auch der Meinung waren, dass der KI die Anerkennung für KI-Kunst zusteht und nicht den Menschen, die am Entstehungsprozess beteiligt waren.

Auf die Frage, welche Menschen im Entstehungsprozess von KI-Kunst die meiste Anerkennung verdienen würden, zeigte sich, dass die Anerkennung zunächst den Künstler*innen zugesprochen wurde, die die Lernalgorithmen mit Daten versorgten und sie trainierten. Erst dann wurden Kurator*innen sowie als nächstes Techniker*innen genannt, die die Algorithmen programmierten. Und zum Schluss wurde schließlich die Crowd genannt, das heißt die Masse von Internetnutzer*innen, die das Datenmaterial produzieren, mit dem KIs häufig trainiert werden. Befragte, die die KI vermenschlichten, gaben den Techniker*innen und der Crowd stärkere Anerkennung, den Künstler*innen hingegen proportional weniger. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch, wenn nach der Verantwortung gefragt wird, zum Beispiel, wenn ein KI-Kunstwerk gegen Urheberrecht verstößt. Auch hier sahen Befragte, die KIs vermenschlichten, die KI stärker in der Verantwortung.

Eine entscheidende Erkenntnis der Studie ist, dass man aktiv manipulieren kann, ob Menschen KIs vermenschlichen, indem man die Sprache verändert, mit der man über KI-Systeme in der Kunst berichtet. Man kann den Entstehungsprozess beschreiben, indem man erklärt, dass die KI, lediglich unterstützt von einem künstlerischen Mitarbeiter, auf kreative Art und Weise neue Kunstwerke konzipiert und gestaltet. Oder indem man sagt, dass eine Künstlerin das Kunstwerk konzipiert und die KI einfache Befehle ausführt, die die Künstlerin ihr sagt. Die unterschiedlichen Beschreibungen veränderten den Grad der Vermenschlichung und damit auch, wem die Teilnehmenden von den menschlichen Akteur*innen Anerkennung und Verantwortung für KI-Kunst zuschrieben.

„Da KI immer mehr in unsere Gesellschaft eindringt, werden wir uns in Zukunft stärker damit beschäftigen müssen, wer für das, was mit KI erschaffen wird, die Verantwortung trägt. Letztlich stehen hinter jeder KI Menschen. Das ist vor allem auch dann relevant, wenn KI versagt und Schaden anrichtet – zum Beispiel bei einem Unfall mit einem autonomen Fahrzeug. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass Sprache unsere Sicht auf KI beeinflusst und eine Vermenschlichung von KI Probleme bei der Zuweisung der Verantwortung mit sich bringt“, sagt Iyad Rahwan, Direktor des Forschungsbereichs Mensch und Maschine am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Koautor der Studie.

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurde 1963 in Berlin gegründet und ist als interdisziplinäre Forschungseinrichtung dem Studium der menschlichen Entwicklung und Bildung gewidmet. Das Institut gehört zur Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V., einer der führenden Organisationen für Grundlagenforschung in Europa.


Originalpublikation:

Epstein, Z., Levine, S., Rand, D. G., & Rahwan, I. (2020). Who gets credit for AI-generated art? iScience, 23(9), Article 101515. https://doi.org/10.1016/j.isci.2020.101515


Weitere Informationen:

https://www.mpib-berlin.mpg.de/pressemeldungen/kuenstliche-intelligenz-kunst


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Informationstechnik, Kulturwissenschaften, Kunst / Design, Psychologie
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch


Quelle: IDW