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Historische Fallstudien zu Pandemien

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02.09.2020 15:50

Historische Fallstudien zu Pandemien

Aus der Vergangenheit lernen: Neue Publikation des Kieler Exzellenzclusters ROOTS

Ob die Pest, die Cholera oder aktuell Covid-19: Seuchen sind Teil der Menschheitsgeschichte. Schon lange bevor es Impfungen gab oder Mikroskope zur Untersuchung von Erregern mussten Gesellschaften Bewältigungsstrategien entwickeln. Diese betrachtet die Broschüre „Entfernte Zeiten so nah: Pandemien und Krisen“, die der Exzellenzcluster „ROOTS – Social, Environmental, and Cultural Connectivity in Past Societies“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) herausgibt, und damit eine Reihe mit historisch-archäologischen Beiträgen zu aktuellen Themen eröffnet.

Ob die Pest, die Cholera oder aktuell Covid-19: Seuchen sind Teil der Menschheitsgeschichte. Schon lange bevor es Impfungen gab oder Mikroskope zur Untersuchung von Erregern mussten Gesellschaften Bewältigungsstrategien entwickeln. Diese betrachtet die Broschüre „Entfernte Zeiten so nah: Pandemien und Krisen“, die der Exzellenzcluster „ROOTS – Social, Environmental, and Cultural Connectivity in Past Societies“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) herausgibt, und damit eine Reihe mit historisch-archäologischen Beiträgen zu aktuellen Themen eröffnet.

„In einer solchen Situation wie der derzeitigen ist es lohnend, in die Vergangenheit zu blicken und Strategien früherer Kulturen im Umgang mit Epidemien bzw. Pandemien in Erinnerung zu rufen“, erklärt der Sprecher des Clusters, Archäologe Professor Johannes Müller, die Motivation hinter der Veröffentlichung. „Denn wenn moderne Technologien an ihre Grenzen kommen, weil es beispielsweise noch keinen Impfstoff oder passende Medikamente gibt, geht es uns im Kern wie den Menschen vor hunderten von Jahren“, ergänzt Ko-Herausgeberin Professorin Cheryl Makarewicz. Die interdisziplinär angelegte Broschüre, die auf Deutsch und Englisch erscheint, enthält Momentaufnahmen von vom Neolithikum über die klassische Antike bis ins Mittelalter. Als Autorinnen und Autoren fungieren die einschlägigen Expertinnen und Experten aus dem breiten Fächerspektrum des Clusters, das gleichermaßen aus Natur-, Lebens- und Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern besteht. In kurzen, allgemein verständlichen, reich bebilderten Artikeln widmen sie sich signifikanten Fällen von Seuchen, ihrer Entstehung, ihren Verläufen, überraschend vielfältigen Strategien zu ihrer Bewältigung und nicht zuletzt dem durch zeitgenössische Reflexionen kulturell bewahrten Wissen.

Keine neuzeitlichen Phänomene: Gesellschaftliche Verwerfungen und Zoonosen

Die Beiträge sollen den Blick zu unerwarteten Einsichten in zum Teil vermeintlich Altbekanntes eröffnen. „So ist es beispielsweise kaum mehr im Bewusstsein, dass der griechische Dichter Homer in seiner Ilias die Problematik der Handlung vom Trojanischen Krieg um den Ausbruch einer Seuche herum konstruiert“, berichtet Professor Lutz Käppel. „Die Wurzel der Tragik der Ilias, all des sinnlosen Mordens und Sterbens, liegt letzten Endes im Scheitern am sozialen Ausgleich bei der Bewältigung der Seuche, gar nicht in ihrer faktisch-medizinischen.“ Die wahre Gefahr für ein Gemeinwesen – so die Moral dieses Werkes am Anfang der europäischen Literaturgeschichte – gehe eher von der internen sozialen Verwerfung von Interessen als von der eigentlichen Seuche aus. Wie dieser Ansatz in der heutigen Zeit dargelegt wird, zeigt Käppel in seiner neuen Werkinterpretation.

Cheryl Makarewicz richtet in ihrem Beitrag über die „Wurzeln von Zoonosen“ den Blick auf die Anfänge von Seuchen. Das Ergebnis ihrer Analyse: „Die Wurzeln mancher Krankheiten scheinen ihren Ursprung in Domestizierungsprozessen im Nahen Osten vor zehntausend Jahren zu haben.“ Dies bedeutet, dass die Menschheit seit dem Neolithikum, also der Zeit, in der sie begann, Tiere zu domestizieren, eine Quelle von Seuchen selbst geschaffen hat. Ben Krause-Kyora und Almut Nebel, die sich mit sogenannter „alter DNA“ beschäftigen, unterstützen diesen Befund: „In unseren eigenen Forschungsarbeiten haben wir gezeigt, dass bestimmte Infektionskrankheiten unsere Vorfahren bereits seit dem Neolithikum heimgesucht haben.“ Welche Strategien der Krisenbewältigung sich daran knüpften, davon berichten weitere Artikel aus Archäologie, Medizingeschichte und Philosophie.

Aus der Geschichte lernen

„Der Grundgedanke des Clusters ist, dass es stets Konnektivitäten sind, die die Entwicklung menschlicher Gesellschaften maßgeblich prägen: Verbindungen und Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt, Gruppen und anderen Gruppen, im weiteren Sinne auch zwischen verschiedenen Handlungsdomänen wie Lebensweisen, gesellschaftlichen Ordnungen, Wissenskulturen, ökonomischen Strategien, Ernährungsweisen oder Krankheitsbildern. Das konnte auch hier als Ausgangsbasis dienen“, fasst es Lutz Käppel zusammen.

Die Artikel bieten keine Patentrezepte zur Bewältigung der aktuellen Pandemie. „Allerdings leisten sie einen unverzichtbaren Beitrag zu einem historisch aufgeklärten Umgang mit einer derartigen Bedrohung, bei der historische Erfahrung neben modernem medizinischem Wissen Teil einer Gesamtstrategie zu ihrer Bewältigung sein muss“, resümiert Johannes Müller.

Originalpublikation:
Entfernte Zeiten so nah: Pandemien und Krisen. Mit Beiträgen von V.P.J. Arponen, Martin Furholt, Lutz Käppel, Tim Kerig, Ben Krause-Kyora, Cheryl Makarewicz, Johannes Müller, Almut Nebel, Henny Piezonka und Chiara Thumiger, ROOTS Booklet Serie No. 1, hg. von Lutz Käppel, Cheryl Makarewicz und Johannes Müller, 64 Seiten, zahlreiche Abb., Sidestone Press, Leiden 2020.
Titel der englischen Version: Distant Times so Close: Pandemics and Crises reloaded.

Fotos stehen zum Download bereit:
http://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2020/202-taiga-mensch-tier.jpg
In der sibirischen Taiga fußen Lebens- und Wirtschaftsweise auf eng geknüpften Beziehungen zwischen Mensch und Tier.
© Jens Schneeweiß, Young Academy, Uni Kiel

http://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2020/202-reinraum.jpg
Die Suche nach Pathogenen. Arbeiten im Reinstraum, um Kontaminationen mit moderner DNA zu vermeiden.
© Ben Krause-Kyora, Uni Kiel

http://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2020/202-maidaneske_rekonstruktion.jpg
Ab 4100 vor unserer Zeit lebten Mitglieder der sogenannte Tripolje-Gemeinschaften zusammen in großen Siedlungen mit mehr als 10.000 Einwohnern. So sind auch in Maidanetske, einer frühen urbanen Anlage im heutigen Gebiet der Zentralukraine, Mensch und Tier auf engstem Raum beisammen. Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler meinen, dass hier die Beulenpest entstanden ist.
© Susanne Beyer, Institut UFG, Uni Kiel

Kontakt:
Dr. Andrea Ricci
Scientific Coordinator Cluster of Excellence ROOTS
Telefon: 0431/880-5871
E-Mail: aricci@roots.uni-kiel.de
Website: http://www.cluster-roots.org

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Presse, Kommunikation und Marketing, Claudia Eulitz, Text: Professor Lutz Käppel, Redaktion: Christin Beeck
Postanschrift: D-24098 Kiel, Telefon: (0431) 880-2104, Telefax: (0431) 880-1355
E-Mail: presse@uv.uni-kiel.de Internet: www.uni-kiel.de Twitter: www.twitter.com/kieluni
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Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Andrea Ricci
Scientific Coordinator Cluster of Excellence ROOTS
Telefon: 0431/880-5871
E-Mail: aricci@roots.uni-kiel.de
Website: http://www.cluster-roots.org


Originalpublikation:

Entfernte Zeiten so nah: Pandemien und Krisen. Mit Beiträgen von V.P.J. Arponen, Martin Furholt, Lutz Käppel, Tim Kerig, Ben Krause-Kyora, Cheryl Makarewicz, Johannes Müller, Almut Nebel, Henny Piezonka und Chiara Thumiger, ROOTS Booklet Serie No. 1, hg. von Lutz Käppel, Cheryl Makarewicz und Johannes Müller, 64 Seiten, zahlreiche Abb., Sidestone Press, Leiden 2020.
Titel der englischen Version: Distant Times so Close: Pandemics and Crises reloaded.


Weitere Informationen:

http://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/202-roots-pandemien


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften, Medizin, Philosophie / Ethik
überregional
Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsprojekte
Deutsch


Quelle: IDW